Dienstag, 24. November 2020

Diktaturvergleich

Ein wesentlicher Unterschied zwischen einer so genannten Corona-Diktatur und einer richtigen dürfte sein, dass man bei letzterer von zuhause abgeholt wird, während man bei ersterer zuhause bleiben soll.
Aber es gibt der Unterschiede mehr!
In einer Corona-Diktatur kann man nur beschwerlich und in Grenzen zum Märtyrer bzw. zur Märtyrerin aufsteigen. Zum Vergleich mit Sophie Scholl etwa fehlt fatal die Hinrichtung.
Ein bisschen ist es so wie mit dem Spruch meines Vaters, als ich klein war: “Ihr wisst ja gar nicht, was Hunger ist!”
Wie konnten wir das, wenn wir ständig aufessen sollten!
Es war nicht fair, uns Kindern das vorzuwerfen, denn wir hatten uns nicht ausgesucht, in schon wieder bescheidenem Wohlstand aufzuwachsen.
Nun, immerhin hatten wir länger als die Kinder im Westen noch Diktatur, aber es war, verglichen mit Sophies Welt, doch nun wirklich nur eine Diktatur light. Aber schon aus diesem abgestuften Erlebnis heraus könnte ich dazu neigen, mit “Ihr wisst ja gar nicht…” anzufangen.
Ich bin hingegen nur gespannt, ob später die Aufhebung der Hygienevorschriften von den Gegnern als Sieg gefeiert werden wird. Denn bei keiner Diktatur jemals in der Geschichte hatten Widerständler so wenig Verdienst an deren Ende wie diesmal.

Samstag, 21. November 2020

Altersungerecht

Nichtaltwerden klappt nicht.
Biden hatten sie gerade noch dazu bekommen (Doping?), im Laufschritt auf die Wahlkampfbühnen zu hüpfen, als wollte er einen Boxtitel verteidigen.
Lange hat der Endsiebziger diese Gangart nicht ausgehalten.
Anwalt Giuliani hingegen läuft die Haartönung über die Wangen.
Beide tauchen in die Fake-Jungbrunnen sicher nicht, weil sie selbst ein Problem mit dem Altern haben. Sie sorgen sich um die Geringschätzung durch die Jüngeren.
Sie fürchten, mit 78 bzw. 76 für berufsungeeignet gehalten zu werden.
Die Bereitschaft zur Illusion einzig ist es dann, die sie jünger wirken lässt als sie sind.

Dienstag, 17. November 2020

Ansteckende Entzweiung

Den Vorsichtigen ist man zu leichtsinnig.
Den Leichtsinnigen ist man zu ängstlich.
Den Ängstlichen ist man zu optimistisch.
Den Optimistischen ist man zu zweiflerisch.
Den Zweiflerischen ist man zu entspannt.
Den Entspannten ist man zu aufgeregt.
Den Aufgeregten ist man zu geduldig.
Den Geduldigen ist man zu verzweifelt.
Den Verzweifelten ist man zu naiv.
Den Naiven ist man zu vorsichtig….
(Von vorn wieder anzufangen)

Freitag, 13. November 2020

Das süße Ende

Womöglich bin ich einer ganz großen Verschwörung auf den Fersen, aber wie so oft fällt mir nicht ein, wem das Ganze nützen soll. Und eine Verschwörungstheorie ohne heimliche Profiteure im Hintergrund ist noch unglaubwürdiger als eine mit.
Egal, ich spüre jedenfalls eine dunkle Macht, die mir immer eindringlicher suggeriert, dass Gemüse süß sein muss.
Zuerst hatten sie im Supermarkt den Paprika mit "herrlich süß" beworben. Okay, dachte ich, es gibt verschiedene Richtungen beim Paprika.
Aber heute nicht mehr.
Scharfer Paprika ist verschwunden.
Früher gab es immer welchen aus dem immerhin EU-Freihandelspartnerland Ungarn, aber entweder behält Orban jetzt alles für sich (Hungary first!) oder die marokkanisch-spanische Paprikamafia bewacht die ungarische Grenze. Oder beides.
Der Paprika hat mittlerweile (als Ziel?) erreicht, herrlich nach gar nichts zu schmecken. Geschmacklose Nahrung (Achtung, noch eine Verschwörungstheorie!) bereitet die Menschen, unke ich mal unverbindlich, auf den anorganischen Nahrungsersatz von morgen vor.
Als "herrlich süß" (gibt es auch ein "unherrlich süß"?) werden neuerdings auch Tomaten und sogar kleine Gurken beworben. Süße Tomaten würde ich nicht mal bei Covid-19-Geschmacksverlust in den Salat tun.
Aber süß können die Verschwörungsbauern wahrscheinlich am besten.
Als nächstes werden sicher die Zwiebeln nach Marzipan und der Spinat nach Nougat schmecken.
Bis man konsequenter Weise zwischen Marzipan und Nougat nicht mehr wird unterscheiden können.
Zuletzt wird das Personal mit "herrlich süß" etikettiert.
Damit kämen vielleicht die ersten Zweifel auf.

Mittwoch, 11. November 2020

Gänsefußpflege

Irgendwann war man offenbar gänsefußlahm. Und lässt nun in den Zeitungen die selbst ernannten “Reichsbürger” ohne redaktionelles Statement der Befremdung so dastehen, als gäbe es sie.
Demnächst demonstrieren jene, die nur im Gestrigen das Morgen sehen, in Potsdam für die Rückkehr der Monarchie.
Sie, die sie Steuern für rausgeschmissenes Geld halten, wollen als treue Untertanen lieber Hofhaltung finanzieren.
Na, gut. Auf etwas mehr oder weniger Irrwitz auf den Straßen kommt es nicht an.
Aber hat man sie nicht schon damit heim ins Reich geholt, wenn man ihnen die Selbstbezeichnung gänsefußlos einräumt?
Die sie doch nichts weiter als Verfassungsleugner sind?
Die Coronaleugner nennt man ja nun auch nicht Ohne-Corona-Lebende.
Und müsste man, einmal dabei, jene Tatsachenabstinenzler, welche sich die Erde wieder als Scheibe denken (und solcherlei Gespinste sogar via die Erde umkreisende Kommunikationssatelliten verbreiten) nicht auch Flache-Erde-Bewohner nennen? Gleiche Verblödung für alle!
Wir brauchen zur Zeit eindeutig mehr Gänsefüßchen.
Aber es geht schon damit los, dass die Computertastaturen sich oft schwer damit tun, die Füßchen vorne unten und hinten erst oben anzusetzen. Im Kaiserreich hätte es dafür bestimmt eine Sechs gegeben.
Kurios ist, dass man früher in Springers Presse die DDR grundsätzlich in Gänsefüßchen gesetzt hatte, obwohl es sie gab. Ich kann das bestätigen, denn ich lebte in ihr. Die Gänsefüßchen wollten mir aber sagen, dass ich mich täusche. Es gelang nicht infolge zu deutlicher Wirklichkeit. Heute nun brauchen wir die Füßchen zur Rettung der Wirklichkeit.
Oder sollte ich schon "Wirklichkeit" schreiben?

umdeutlich - neue alte Worte (9)

Schimpfstoff
  (= Nachrichtenangebot)

Montag, 9. November 2020

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (5)

Es wird allmählich anstrengend, sich gegen die Neue Zwangskollektivierung zu wehren.
(Vielleicht muss man sogar bald Kollektive bilden dagegen.)
Für sich sein ist entgegen allem Klagen über soziale Distanz ein Luxus geworden.
Viele wissen das nicht mehr, weil sie es nicht mehr erleben, wie frei man sich fühlt, wenn man weiß, dass man nicht beobachtet wird. Ich bin andererseits gern gesellig, nur will das selbst entscheiden. Das wird zunehmend streitig gemacht.
Das Beobachtetwerden wird trickreich als Gemeinschaftserlebnis verkauft. Die optimiersüchtige Manipulationsindustrie ist auf den genialen Einfall gekommen, ihre Datensammelwut als “Teilen” und “Community” zu bezeichnen.
Nach dem letzten Betriebssystem-Update des iPhone wurde ich zum Beispiel ungefragt Mitglied in einem so genannten Gamecenter, wo ich irgendwelche Spielstände und -Süchte mit Anderen teilen soll. Noch gibt es auffindbare Schalter, mit denen ich mich nachträglich wieder aus solchen peinlichen Zirkeln ausklinken kann. Es ist, wenn man so will, auch ein Spiel. Hide and seek.
“Gamecenter aktivieren” taucht jetzt vor jeder Schachpartie auf, mit einer Dringlichkeit, als hätte ich vergessen, die Herdplatte auszuschalten. (Ich werde gegen das Schachprogramm sowieso verlieren. Aber auch das will ich, verdammtnochmal, für mich behalten.)
In der Tat erinnert mich die Neue Zwangskollektivierung an die alte. Damals wurde man bei uns in alle möglichen Massenorganisationen eingetreten, damit jeder Bereich der staatlichen Kontrolle unterliegt. Jetzt gibt es (entgegen übrigens der vom Eigentlichen wunderbar ablenkenden Verschwörungstheorien) weniger einen Kontrolldrang des Staates als einen des Kommerz. Das Vieh soll ja nur gemolken werden. Nach hinten sollen den Werbekunden möglichst viele Adressaten nachgewiesen werden, nach vorn die Bindung des Nutzers an den Anbieter ins Unauflösliche verfestigt.
Deshalb verlangt das Handy unentwegt, den Sprachassistenten zu aktivieren, meine Fotos in die Cloud zu laden und die Bezahlfunktion einzurichten. Meine Verweigerung wird als “nicht abgeschlossene Konfiguration” bezeichnet. (Die Bauerngesichter hätte ich sehen mögen, denen man “nicht abgeschlossene Konfiguration” bescheinigt hätte, weil sie nicht in die LPG wollen.)
Nach dem Update durchsuchte ich das Gerät nach weiteren Übergriffen und Kastrationsversuchen. Sie fanden sich beispielsweise im Fotobereich. Einige längst überspielte Urlaubsbilder lassen sich jetzt nicht mehr löschen. Womöglich, ergoogele ich, seien sie mit einer App synchronisiert, von der ich nicht weiß, dass sie die Bilder nicht hergibt. Ein paar Neins gibt es beim Kartendienst oder im Kalender zu verteilen.
Habe ich alle Lecks gefunden?
Bin ich noch souverän?
Gehört mir das Handy noch?
Was als Nächstes kommt, sage ich mit geringer Kühnheit voraus: Bestrafung bei Verweigerung, bis hin zur Unbrauchbarmachung des Gerätes.
Wer nicht alles von sich preisgibt, wird keine Technik nutzen dürfen.
Soziale Autonomie wird als asozial bewertet werden.
Dann als Feind.
Zuletzt belächelt erinnert.

Samstag, 7. November 2020

Querstellen ist nicht querdenken

Jeder, der die Wirklichkeit leugnet, nennt sich jetzt Querdenker.
Man schämt sich für diese Okkupation eines kostbaren Ehrentitels.
Weiß niemand mehr, wie querdenken wirklich geht?
Querdenken verlangt Originalität, Witz und Außenseitertum.
Karl Valentin verdient das Attribut “Querdenker”, Loriot, Monty Python, Ernst Jandl oder Mel Brooks.
Aber nicht irgendein Mob, dem es egal ist, was in den Krankenhäusern geschieht.
Leider ist der Geistes-Adelstitel "Querdenker" mittlerweile bereits ärgerlich befleckt. Würde ich Valentin heute laut einen Querdenker heißen, denkt jeder, er sei bloß so ein Maskenmuffel, ein langweiliger, destruktiver Wutbürger gewesen.
"Jedes Ding hat drei Seiten," hatte Valentin gesagt, "eine positive, eine negative und eine komische."
Wer nur auf zwei kommt, ist definitiv kein Querdenker.
Man müsste Titelschutz sichern, aber die Quersteller würden das als Linguistendiktatur beschimpfen.
Solange sie Luft kriegen.
Unterm Strich brauchen wir jetzt ein neues Wort für "Querdenker". Und es muss die ganze Herde infizieren. Das kann dauern.

Mittwoch, 4. November 2020

Aus der besseren Welt

“Sie haben es gut”, habe ich heute gedacht, als mir die Polizisten an der Radarkontrolle begegneten.
Sie überwachten im Kampf gegen das Böse Tempo 80 auf einer dreistreifigen Autobahn ohne Baustelle, festgelegt wegen vermeintlicher Straßenschäden, die man vielleicht sanft spüren würde, führe man doppelt so schnell wie verlangt.
Anderswo, dachte ich, müssen Polizisten mit Sturmgewehren Szeneviertel durchkämmen, um Amokschützen auszuschalten.
Welch federleichtes Ziel bin hingegen ich!
Die Polizisten hier können bequem bei Coffe-to-go im Angelsessel harren, dass ich Sünder vorstellig werde.
Ein rasendes Auto, fällt mir ein, kann freilich auch als eine tödliche Waffe gesehen werden.
Aber mit meinen Neunzig auf der dreistreifigen Autobahn?
Das glaube ich nicht.
Und Nichtglauben ist aller Friedfertigkeit Anfang.

Dienstag, 3. November 2020

Flucht in den Hörsaal

Bis neulich habe ich mit meinem erstaunlich leidenstoleranten Interesse an Geschichte noch versucht, TV-Dokus auszuhalten.
Diese werden allerdings fast nur noch von versprengten Monumentalfilmregisseuren inszeniert, die selbst noch das Ausbuddeln einer Tonscherbe mit einem Crescendo des Bayreuther Festspielorchesters unterlegen müssen. Ständig unken schwellende Hörner und zitternde Celli oder triumphieren von Beckenschall gestützte Posaunen, sobald auch nur die Amtseinführung eines Markgrafen Erwähnung findet.
Nichts, weder Scherbe noch Markgraf, ist dabei länger als eine halbe Sekunde lang zu sehen, bevor vier historisch äußerst fragwürdig gewandete Comparsen eine Völkerschlacht darstellen. (Der am luschigsten wirkende gibt Papst oder Kaiser.)
Kopfschmerz, mindestens Schwindelgefühl ist die Folge dieses Jahrmarktsbudenkrawalls und insofern sicherlich angemessen dem oft so verhängnisvollen menschlichen Tun, aber um so anstrengender, je entschleunigter das alternde Hirn Wissen aufzunehmen wünscht.
Aber die Erlösung ist gekommen. Mit Corona. Mit dem Trend zum E-Learning daheim schwoll plötzlich die Zahl der online verfügbaren Uni-Vorlesungen erheblich an und erlöste mich.
Statt Sinfonieorchester, Kleindarsteller und bedeutungsschwangerem Geraune aus dem Off tritt nun schnörkellos ein naturtrüber Prof ans Pult und spricht mit meist mäßigem Temperament vor unbewegter Kamera eine dreiviertel Stunde. Die einzigen Illustrationen bilden mehr oder minder pünktlich abgerufene Powerpoint-Folien.
Welch Balsam für die dokugeschundene Seele! Und was die graue Maus am Pult alles weiß!
Vieles von all dem Wissen käme ja niemals ins Fernsehen, weil dieses die Zuschauer als kaum belastbar und allzeit fluchtbereit einschätzt. Das Fernsehen hält sich in Bildungsfragen somit lediglich für ein barrierefreies Inklusionsangebot für risikobereite Show-und Serienjunkies. “Nur nicht überfordern!” steht es sicher in großen Leuchtbuchstaben über den Redaktionstischen.
Nicht (oder wenigstens nicht ganz so leuchtend) in den Hörsälen der Hochschulen. Hier bin ich nun oft zu Gast, unsichtbar, keinerlei Quote nährend. Geduldig nehme ich noch den organisatorischen Teil mit oder frage mich, ob Geschichtsprofessoren auch unbedingt historische Mikrofone verwenden müssen.
Beinahe macht es auch ein wenig jung, wieder Student zu sein, wenn auch ein unsichtbarer und liederlicher, der die Kurse nicht vollständig abklappert.
Und nie einen Abschluss macht. Ewig unfertig. Ein schöner Zustand.

Donnerstag, 29. Oktober 2020

Verschiebung der Wohltaten

Warum dominierte früher in der TV-Werbung das Verwöhnaroma und heute der Reizdarm?
Was ist schiefgelaufen?
Von der Genussbefriedigung ging es zur Leidensmilderung.
Ganz ohne Pandemie.
Obwohl es jetzt sogar eine Handcreme gibt, die als Balsam für Coronageschundene gepriesen wird.
Aber das Siechtum greift von allen Seiten an. Darum die Schmerzsalbe, die Beruhigungspille und das Fußpilzmittel.
Fasertief reine Wäsche hingegen ist der Werbung schnurz geworden.
Was Hunde und Katzen fressen sollen auch.
Und statt Bier, Weinbrand und Whisky gibt es im Werbeblock lauter Zeug, das den Nachklappspruch mit den Risiken und Nebenwirkungen benötigt.
Das viele Weiterzappen und Wegclicken wird sicher auch krank machen.
Clementine früher haben wir ausreden lassen.
Heute ist sie Risikogruppe.

Montag, 26. Oktober 2020

Irgendwas mit Medien -1-

Mittlerweile ist es investigativer Journalismus, eine Überschrift fehlerfrei hinzukriegen.
Nachdem ich da schon Einiges geschluckt habe, fang ich mit dieser Perle das heute mal als kleine Reihe an:
Über-Überschrift heute: Neuer Besen im Kanzleramt.

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Feier-Abendgedanken

Wie alles Unbegreifliche Bewunderung auslöst, so auch das sanguinische Phänomen, dass Menschen während einer Pandemie überhaupt zum Feiern zumute ist.
Gab es während der Pest im Mittelalter Feiern am Späti?
Feiernde führen natürlich eher weniger Chronik als Klagelautende. Deshalb wird der Ballermann des Mittelalters, sollte es ihn gegeben haben, im Dunkel der Geschichte unerkannt bleiben.
Wir armen Sauertöpfe, die wir wenigstens einen kümmerlichen Anlass brauchen, um eine kleine Sau rauszulassen!
Wir laufen Gefahr, auf brauchbare Anlässe vergeblich zu warten.

Mittwoch, 21. Oktober 2020

umdeutlich - neue alte Worte (8)

Risikogebieter
  (= Feldherr)

Instanzenskepsis

Dass Gerichte entscheiden, ob eine Seuchenschutzmaßnahme gerechtfertigt ist, ist mir etwas unheimlich.
Es ist hinsichtlich der zugemuteten Kompetenzen in etwa so, als ob ich zu einer Herzoperation, die das Ordnungsamt anordnet, eine zweite Meinung in der Kfz-Werkstatt einhole.

Sonntag, 18. Oktober 2020

Donnerstag, 24. September 2020

Im Netz der Fragen

Dass die Welt voller Fragen ist, wusste man ja schon ohne Google.
Ursprünglich geschaffen, Antworte, wenn nicht zu finden wenigstens zu versprechen, schickte mir Google aber nun plötzlich eine obskure Chiffre.
“Eine Frage, die Sie abonniert haben, wurde als Duplikat einer vorhandenen Frage markiert. Sie können diese Frage abonnieren, um immer informiert zu werden, wenn es Neues dazu gibt.”
Wer abonniert Fragen?
Ich werde in der Mail weiter unten noch eingeladen, "Frage ansehen" anzuklicken und erfahre in einem neuen Fenster, wobei schlagartig die Verhandlungssprache ins Englische wechselt, dass es sich um ein “locked thread” handelt.
Ich könnte gern ein neues “support ticket” kreieren, heißt es, worauf sich ein neues Fenster öffnet, das mich zum neuen Fragen einlädt.
Ein Fragengenerator, dieses Google.
Wie wird es weitergehen?
Wird sich das Duplikat der vorhandenen Frage erneut duplizieren, obwohl ich weiterhin überhaupt nichts zu fragen gedenke?
Kann ich Duplikate abonnieren?
Wird es nach einigen hundert Duplikationen mathematisch zwingend das ganze Universum mit meiner Frage füllen müssen, die längst als "locked thread" verstummt ist?
Abonnieren möchte man so etwas jedenfalls nicht.

Samstag, 12. September 2020

Sinnsuche vor dem Zahnarztbesuch

Das letzte Artefakt des analogen Zeitalters ist das Bonus-Heft des Zahnarztes.
Es erinnert an das Heftchen, in das man als Kind Bienchen eingestempelt bekam, wenn man fleißig war.
Dumm, wenn man das Heft verbummelt hatte. Großes Bienensterben.
Gerade suche ich das verflixte Bonusheft, denn die Zahärztin hatte sogar schriftlich gemahnt, meine Corona -Furcht endlich zu überwinden und ihr den weit geöffneten Virentrichter Mund zuzuwenden.
Und das Bonus-Heft mitzubringen.
Habe ich es bei “Krankenkasse” abgeheftet oder in das Mäppchen mit dem Reisepass gelegt? Oder im Auto liegenlassen beim letzten Mal? Hat Säurefraß es vernichtet oder ist es Kuriositätensammlern in die Hände gefallen?
Wie hilfreich wäre es, wenn das Bonusheft noch als Steintafel ausgegeben wäre. Über die man zuhause dann doch immer mal stolpert. Keine dumme Idee damals, die Gesetze in Tafeln zu meißeln. Besser als die Gesetze selbst, nebenbei bemerkt.
Theoretisch könnte die Zahnärztin ganz einfach auf meiner Chipkarte eines dieser Cookies hinterlassen, die sich wie Aerosol im Internet ausbreiten und die ich täglich in großer Zahl bejahen muss, wenn ich überleben will.
Und der Krankenkasse könnte man ganz einfach mithilfe dieses neuländischen Internets mitteilen, dass ich doch noch rechtzeitig zur Heerschau meiner Zähne angetreten war.
Aber so wie man Beileidskarten nicht per Mail verschickt, schickt es sich wohl nicht, ein so wichtiges Zeugnis wie den Existenznachweis eines gepflegten Gebisses zu digitalisieren. Vielleicht geht es um diese Menschenwürde, von denen immer mal wieder die Rede ist.
Ich muss dieses kostbare Heftchen finden, in welchem sentimentaler Weise noch mein Mädchenname steht und die Adresse durchgestrichen ist, weil wir umgezogen waren. Ein wenig ist da die Tinte auch verlaufen.
Im Darknet kriegt man sicher günstig eine Fälschung, denn das Bonusheftchen hat nicht die geringsten Sicherheitsmerkmale. Wäre der Bonus, den es tatsächlich bringt, höher, würden massenhaft Fälschungen auf den Markt kommen.
Aber es lohnt sich nicht.
Ich habe auch noch längst nicht überall gesucht.
So bescheiden, wie es aussieht, könnte es auch in die DDR-Schachtel geraten sein. Oder ein Windstoß hat es aus dem Fenster geweht.
In fünftausend Jahren wird man das Heft, wenn es endlich gefunden wird, im archäologischen Museum ausstellen: das letzte überlebende Papierdokument der Menschheit.
Retter der letzten Heftchendruckereien.
Gruß aus dem Mittelalter.
Ich muss es finden. An mir soll das Abendland nicht untergehen. Ich werde es finden.
Denn ein gesunder Zahn der Zeit nagt ewig.