Montag, 13. Juli 2020

Der Staat und der LIndner

Es war rührend anzuschauen, wie naiv enttäuscht sich FDP-Lindner im Fernsehinterview darüber gewundert hat, dass die Bürger in der Krise auf die Hilfe des Staates setzen. (Jenes Staates, den die FDP gern mitregieren würde, wenngleich sie augenscheinlich nicht recht weiß, wozu dieser außer als Sesselspender zunütze sein soll.)
Wissen die dummen BürgerInnen nicht, dass man Steuern zum Vergnügen bezahlt oder höchstens dafür, dass die Gelder veruntreut werden?
Nach liberalen Auffassungen hilft sich jeder Bürger selber, noch dann, wenn ihn sein Unternehmen auf die Straße setzt. Was letztlich, im liberalen Lichte befunzelt, doch nichts weiter ist als eine gute Gelegenheit, den Preis der eigenen Arbeitskraft herabzusetzen. Oder am besten tönnies-like weiter zu machen als sei nichts, weil die Freiheit des Tuns, insbesondere des Arbeitens heilig ist. Wenn zuviel krank geworden wird oder gestorben, kann man immer noch irgendwas Unbestimmtes tun bzw. andere als die Liberalen zu tun veranlassen.
Franz Kafka hat mal geschrieben, dass der Staat das kälteste der Tiere sei. Die Betriebstemperatur wird von denen, die ihm Verantwortung absprechen, noch unterboten.

Freitag, 10. Juli 2020

Spazieren am Golfplatz

Mein Spazierweg führt mich am Morgen oft an einem Golfplatz vorbei.
Ich kann nicht aufhören, über die Wesen zu staunen, meist hell bis pastell gewandet, wie Anstaltskleidung. Ein kleines bisschen irre sind sie ganz sicher. Welches gesunde Lebewesen  schlägt kleine Bälle in die Welt?
Die Golfer mögen es nicht, beobachtet zu werden. Wenn sie mich bemerken, schauen sie besorgt in die Ferne. Ich reize Menschen nicht, die Schläger in der Hand halten.
Wenn sie abschlagen, erkennt man von fern jene willensstarke Entschlossenheit, die sie in die Lage gebracht hat, die Clubmitgliedschaft nebenher zu bezahlen.
Ihre Landschaft ist eine separierte, ein Ausbund künstlicher Anmut, ein Teletubby-Land mit grünen Hügelchen. Durch ihr Hobbit-Auenland folgen sie den weißen Bällchen wie alle Menschen ihren Zielen folgen: hartnäckig, besessen, gezogen, wohin es auch führen mag.
Und welch kleine Geschenke Erfolge doch sind! Das Bällchen verschwindet in einem Erdloch. Wie einst wir alle.
Immer geht es darum, die Leere zu füllen. Alles muss rein. Warum haben Menschen an sinnlosen Tätigkeiten mehr Vergnügen als an sinnerfüllten? Die Anstrengungen sind häufig nicht so divers.
Womöglich würde mir dieses Golfen doch gefallen, wenn ich es einmal spielte. Ich mag ja auch Billard. Letzteres braucht glücklicherweise kein Wasser, um die Spielfläche grün zu halten. Böse Zungen (oder auch nur besorgte) meinen, der Golfplatz trage durch seine Wasserentnahme zum in letzter Zeit bedrohlichen Absinken des Seespiegels bei. Es gibt Bootsstege, von denen man nur noch in den Sand springen kann. Ob das auch die Yacht eines Golfers stranden lässt?
Ich steige in das Auto, welches so groß wie ihr Rasenmobil, und lasse die sich Drehenden und Schwingenden ihrem Drehen und Schwingen. Der Spieltag ist noch lang, und sie werden sich meinen Beitrag später schon noch zu holen wissen.

Mittwoch, 8. Juli 2020

Verzichten verboten

Gestern lag die Einladung zu einem Hörtest im Briefkasten. Der Hörgeräte-Hersteller hatte sie aufgemacht wie eine amtliche Vorladung. Das wunderte mich nicht.
Langsam müssen sie andere Saiten aufziehen, dachte ich mir schon lange. Die Corona-Zwangsenthaltsamkeit hatte offenbart, dass unser Wirtschaftssystem zwingend Konsum benötigt. Der Wirtschaftskörper reagierte auf den Entzug wie ein Junkie: angstschweißgebadet, panisch, drohend und zu jeder Beschaffungstat bereit. Sie werden dich jetzt holen, wenn du nicht von selber kommst.
Corona hat das wichtigste Betriebsgeheimnis des Kapitalismus nackt sichtbar gemacht: dass Verzicht tödlich ist. In netten Broschüren oder Talkrunden darf sehr gern von Konsumverzicht geredet werden, und wie einen das erdet und die Erde schont, aber in Wirklichkeit darf es nicht erlaubt werden. Es muss, auch hier, beim Quatschen bleiben.
Erlaubt und unterhaltsam ist es fraglos, sich in der Warenwelt zurückgestellt oder diskriminiert zu fühlen, Frauenquoten einzuklagen und Rassismus anzuprangern - nur verlassen darf man sie nicht.
Alle hängen am Konsum wie am Tropf.
Niemand verdient am Nichtkonsumieren.
Das wäre anders, wenn sinnvolle, wenig konsumtive Arbeit wie Pflege, Bildung und Erziehung besser bezahlt würde, aber solche nützliche Arbeit erlaubt kein Abschöpfen von Gewinn und ist deshalb nicht förderwürdig. Es müsste der größte aller Verzichte erzielt werden: der Verzicht auf Bereicherung, ja eine Neudefinition von "bereichernd". Das ist in dieser Spezies nicht durchsetzbar.
Nein, jetzt tobt der Kulturkampf darum, dass nach der abgerungenen Ladenöffnung die kaufhemmenden Masken wegfallen, ungeachtet ihres Sinns, denn Konsum ist Sinn stiftend genug. Den “Todessprung der Ware” hat Marx das genannt, was buchstäblich meint, dass die Missachtung der Ware den Tod bringt. (Ein äußerlich unwesentlich anderer als der Tod an Viren, nur viel bilanzschädigender höheren Orts.)
Es gibt kein Recht auf Enthaltsamkeit.
Bescheidenheit ist Sabotage.
Und kurz überlegte man sogar, ob man den Leuten Einkaufsgutscheine schenkt (,die vermutlich äußerlich auch wie eine amtliche Vorladung ausgesehen hätten: “Sie werden hiermit dazu dienstverpflichtet, bis zum Soundsovielten so und so viel Euro auszugeben.”) Vielleicht wird das eines Tages sogar als Wehrersatzdienst anerkannt: freiwilliges full-time-Shoppen, um die Wirtschaftsdaten zu stützen.
In der übrigens wahrscheinlich ahnungslos von amazon finanzierten, sehenswerten Episoden-Serie “Electric Dreams” gibt es die Kurzgeschichte “autofac” von Philip K. Dick. Da werden die Menschen automatisch mit Waren beschickt. Als sie sich überdrüssig abzuwenden versuchen, stellt die Fabrik auch künstliche Konsumenten her. Wir sind also gewarnt.

Montag, 6. Juli 2020

Samstag, 4. Juli 2020

Es war einmal in Amerika

Da war ich fasziniert von: Weite, Innovation, easy going, Großartigkeit.
Vier Mal hatte es mich hingezogen. Man konnte da drüben immer etwas von der Zukunft sehen, ein schickes Auto fahren und mit jedem reden. Zwar konnten sie kein anständiges Bier brauen und Brot backen, aber selbst das hatte den Charme einer unbekümmerten Nation.
"Sucht euch eins aus!", rief ein Typ wie ein Weihnachtsmann auf dem Parkdeck des Autoverleihs.
Dass der Weihnachtsmann dort saß, hatte freilich auch damit zu tun, dass er als alter Mann für den Lebensunterhalt arbeiten musste. In keinem anderen Land der Welt habe ich so viele hochbetagte Leutchen hart arbeiten sehen. Aber ein altes Mütterchen in einem Frühstücksrestaurant winkte ab. Sie müsse das hier nicht tun, sagte sie nur.
In Fort Lauderdale sprach ich das schwarze Zimmermädchen daraufhin an, ob ihm nicht auffalle, dass alle gehobenen Jobs im Hotel von Weißen ausgeübt würden. Sie geriet in Rage - gegen mich. "In Amerika kann jeder alles schaffen!", rief sie mir mit heiligem Zorn zu, "Jeder! Alles!"
Donald Trump bestätigt diese These in gewisser Weise, aber ich war etwas enttäuscht vom unreifen politischen Bewusstsein, gleichwohl ebenso fasziniert von diesem schrägen Patriotismus.
Das Faszinierendste überhaupt waren bizarre Anwesen irgendwo in der Steppe, wo komische Kauze in seltsamen Buden oder Wohnwagen hausten, bar jeder Krankenversicherung aber voll innerer Versicherung, den amerikanischen Traum des laissez faire zu leben oder wenigstens zu träumen.
Zuletzt, es begann nach 9/11, stieß ich dann viel öfter als vorher auf eifernde Frömmelei, und der allgegenwärtige small talk erlosch vor Wänden aus Flachbildschirmen, auf denen Sport oder Musikvideos liefen.
Es häuften sich auffällig andere Besessenheiten in den Filmen, die aus Amerika kamen: sofort losballernde Polizisten, Selbstjustiz, missverstanden als Krönung der Freiheit, Drogen-und Fettsucht.
Und jetzt will ich nicht mehr hin.
Will nicht zwischen Leute, die ihr narzistischer und strunzdumme Präsident unentwegt gegeneinander aufhetzt. Will mir da auch nicht Covid-19 holen.
Vielleicht gibts ja irgendwann mal wieder einen Independence Day.
Wenn sie im Herbst aber ihren Leit- wie Leidhammel wieder wählen, ist es wohl für lange aus zwischen uns. 

Montag, 29. Juni 2020

Kein Text für Depressive

Was, wenn wir einfach nur noch nicht angekommen sind.
Das zeigten die vielfältigsten Versuche, für immer unmöglich gewordene Lebensweisen wenigstens zu simulieren.
Leise Konzerte mit leeren Plätzen zwischen gefährdeten.
Gastronomie, die im trächtigen Aerosol symbolisch vor sich hin desinfiziert.
Wir wären, der Eingangs-Annahme folgend, nur noch die Reproduktionsmaschine der Mikroorganismen. Sie hätten die Evolution gewonnen.
Sie hätten uns beigebracht, wie wir ihnen dienen, indem wir sie nicht radikal aushungern.
Umgekehrt lehrten sie uns, wie wir uns selbst nicht ausrotten, und das nicht nur in virologischer Hinsicht. Wir mussten auf ihren Wink hin die Arbeits- und Verbrauchswelt in Ordnung bringen.
Sie lehren uns das Miteinander, vor allem das mit ihnen.
Und dass Miteinander etwas anderes ist als Zusammensein.
Sie stellten die Regeln auf, die besagen:
Die Robusteren von uns würden von Zeit zu Zeit kurzatmig und fiebrig, dann ginge es wieder.
Die Schwachen verschwänden, insbesondere in der Statistik.
So könne es, geht ihr Trost, wohl auf Tausende Jahre gehen.
Die Simulationen des früheren Lebens aber würden irgendwann aufgegeben werden müssen, da sie jedes Mal doch nur an die Grenzen der Strenge stoßen. Mehr erreichten sie nicht.
Jedes Ankommen in einer vom Sieger geordneten Zukunft ist zugegeben nur langsam zu akzeptieren.
Aber diese Sieger können viel besser warten als wir.

Freitag, 26. Juni 2020

Adels-Geschlachte

Ebenso fantasiereich, wie die Fleischkonzerne ihre Produkte taufen, labelt die Presse derzeit den Herrn Tönnies. Eine grobe Sichtung ergibt:
“Fleisch-König” (“Augsburger Allgemeine”)
“Kotelett-Kaiser” (“Spiegel”)
“Skandal-Schlachter” (“Focus”)
“Fleischriese”/ “Fleischbaron”(“bild”, die schon mal kreativer war)
Um für etwas Abwechslung zu sorgen, biete ich unentgeltlich an:
“Schinken-Scheich”,
“Kuh-Fürst”,
“Salami-Sultan”,
”Pökel-Papst”,
“Mett-Mogul”,
"Zerlege-Zar",
"Grieben-Graf”,
oder schlicht “Sau-Ron”.
Sollte ich noch erwähnen, dass die Gesamtheit des polnischen Adels “Szlachta” genannt wird?

Der Film danach

Es werden eines Tages (oder auch schon bald) Filme in der Zeit spielen, die wir jetzt die Gegenwart nennen. Aber was wird das Kino aus der Maskenzeit machen?
Werden in Gegenwartsfilmen ausdruckslose SchauspielerInnen bessere Chancen haben, weil man das Minenspiel wegen der Maske eh nicht sieht? (Nur in Horrorfilmen wird sie abgenommen, worauf ein Unheil mehr droht.)
Schludrigen Synchronisationen kommt der Atemschutz ebenfalls sehr entgegen, denn lippensynchron muss nun nichts mehr sein.
Außerdem darf deutlich gespart werden: aufwändige Massenszenen kommen ja nicht vor.
Im Übrigen ist gar nicht die Frage, ob die Verwerfungen dieser Zeit noch jemanden interessieren, sollte das Ganze irgendwie überwunden sein. Es muss ja trotzdem grundsätzlich ein gewisser Realismus gewahrt bleiben, von Liebeskomödie bis Actionthriller. Boy meets girl auf 1,50 m undsoweiter.
Solange es mit dem Impfstoff ebenso zögerlich voran geht wie mit der Einsicht in Verhaltensnotwendigkeiten, MUSS in diesem Umfeld erzählt werden.
Aber wird das jemand sehen wollen? Und in welchem Kino?

Donnerstag, 25. Juni 2020

Montag, 22. Juni 2020

Weltkulturerbe Drängeln

Seit die UNESCO auch immaterielles Erbe wie Tanzen, Spiele, Yoga oder Trachtenumzüge in ihre Ruhmeslisten aufnimmt, würde ich gern die Aufnahme des Drängelns beantragen, also des Verschaffens räumlicher Vorteile durch Körperdruck.
Diese uralte Kulturtechnik des Vorankommens scheint mir durch die wohl noch lange geltenden Corona-Abstandsregeln existenziell gefährdet, oder bestenfalls auf den Autoverkehr reduziert, was dem Drängeln den ursprünglichen haptischen Charme des direkten Körpereinsatzes nimmt.
Das Erlebnis, in einer Straßenbahn zu stehen, ohne umfallen zu können, werden viele junge Menschen womöglich niemals kennenlernen.
Menschen werden für sie vielleicht auf immer etwas sein, das sich, von Intimpartnern und Hygienemuffeln abgesehen, höchstens auf 1,50 Meter Abstand nähert. 
Schon vor Jahren hatte eine kleine Reform des Winter/Sommerschlussverkaufs dem Brauchtum des Drängelns zugesetzt. Wühltisch war auf einmal immer. Im (buchstäblichen) Gegenzug sorgte die Deutsche Bahn durch Schlankhalten des Fahrplans, besonders in beruflichen Spitzenzeiten, für die Erhaltung des Brauchtums. Aber auch hier hat das neuartige Virus die Menschen einander entfremdet.
Wann wird man je wieder beim Mantelabholen nach der Opernvorstellung in vorderer Linie vom Druck der Drängelnden über die Brüstung des Garderobenstandes gedrückt? So holte man sich VOR Corona seine Atemnot!
Es waren die Asiaten, die das Drängeln schon früh zu reglementieren versuchten. Bilder von Ordnern, die mit weißen Handschuhen die U-Bahngäste von Tokio in die Züge schoben, schienen bereits dem Drängeln das Anarchische nehmen zu wollen, den uralten Selbstbehauptungstrieb unnatürlich zu domestizieren.
Im Westen pflegten hingegen eigens anberaumte Straßenfeste die uralte Kultur, deren Tradition bis in die Völkerwanderung reicht! Freilich sei auch nicht verschwiegen, dass deren Motivationen (“Volk ohne Raum”) bisweilen kriegerisch missbraucht wurden. Aber in den meisten Fällen war und ist Drängeln der Ausdruck lebensfroher Selbstbejahung. Jahrelang hat dies auch die Werbung durch egozentrische Projektionen  tiefenpsychologisch unterstützt (“Unterm Strich zähl ich”), aber mit Corona ist hier eine inflationär bemühte Kollektivität eingebrochen. Das Wir und die trauliche Gemeinsamkeit werden gepredigt, da der gute, alte Ellenbogen nicht mehr zum Zuge kommen kann. 
Gerade jetzt in der Ferienzeit boten viele Städte mit engen, alten Gassen reichlich Gelegenheit und Angriffsfläche. Auch an den Buffets in den Hotels konnte man mit Drängeltechniken glänzen und Anderen Delikatessen wegschnappen (Bei 3 Sternen auch schon mal nur die letzte Butter).   
Soll das alles untergehen und vergessen sein?
Sind wir bald noch das, was wir waren?
Ich fordere: Drängeln in die Weltkulturerbeliste!
Die Zeit drängt!

Freitag, 19. Juni 2020

Mensch und Pflanze

Ein Trieb dieser okkupationsfreudigen Rankepflanze versucht seit Tagen, durch das Küchenfenster zu dringen.
Das drängende Leben. Es nimmt auf nichts Rücksicht. Das Rankedings ist in der Lage, einen kleinen Baum völlig einzuwickeln, bis gar kein Licht mehr zu dessen Blättern dringen kann und er abstirbt.
Immerhin haben wir hier drin mit dem Küchenfenster eine echte Chance.
Das Leben ist eine brutale Machtmaschine. Zufriedenheit existiert darin nicht. Niemals genügt einer Pflanze ihrer Blattfläche. Es wird getrieben und ausgestreckt, auch ohne Rücksicht darauf, wie viel Wasser und Mineralien nur zur Verfügung stehen. Werden die Ressourcen überansprucht, wird eben eingegangen und bei nächster Gelegenheit frisch gekeimt.
Ein gleichmütiges Ringen um Sein und Vergehen, ohne Fragen nach einem Sinn. Nehmen, was man kriegen kann, bevor der Winter kommt.
Tiere sind maßvoller. Der Löwe tötet nicht, wenn er satt ist.
Der Mensch neigt dann wieder stärker zur pflanzlichen unbekümmerten Maßlosigkeit. Als ob mit ihm die Evolution ethisch den Zenit überschritten hat. Grüner wird's nicht.

Dienstag, 16. Juni 2020

Pioniere des Konsums

In der Haut der ersten Malle-Urlauber möchte ich nicht stecken.
Zu hohe Erwartungen.
Schon dass das Hotelpersonal Beifall geklatscht hat für das bloße Eintreffen. Die erwarten Spitzenleistungen bei Speis und Trank!
Solchen Beifall gab es zuletzt für Lungenärzte und Krankenschwestern, und zwar NACH deren erbrachter Leistung. Hier ist es Vorschuss-Beifall.
Einerseits richten sich höchste Konsumerwartungen an die neuen Corona-Helden, andererseits dürfte es nicht ganz leicht werden, sich die Hygiene-Regeln schön zu saufen.
Der Ballermann-Tourist ist als solcher auch viel zu kontaktfreudig für jedwede Neue Normalität. Wenn die Mund/Nase-Maske fällt, und was sonst könnte Urlaub genannt werden, droht auch schnell ein Infektions-Desaster Ischglschen Ausmaßes. Jederzeit kann das Hotel zur Mausefalle werden, wenn ein verdammter Spreader am Sangria-Eimer mitgesaugt hat.
Inselbewohner, liest man, sollen sich jetzt sogar vor den Touristen fürchten. Man muss sich das in etwa so vorstellen, als ob sich Heringsdorf über Badegäste aus Wuhan freuen soll. Bis jetzt war man auf Mallorca vergleichsweise gesund. Aber arm sein ist, wie wir gelernt haben, schlimmer.
Immerhin sind die Engländer noch nicht da, wo doch der Handtuchkrieg wegen der Sicherheitsabstände sicher verschärfter werden würde.
Aber noch ist alles in deutscher Hand.
Vielleicht wird es daher sogar richtig nett.
Halligalli, bloß eben mit Fiebermessen.
Und wenn kein Halligalli, kann man sich zur Not ja noch erholen.
Aber bloß nicht die Erwartungen überspannen.

Sonntag, 14. Juni 2020

Logik und Ethik

Man sucht derzeit nach einer korrekten Formulierung des Artikels 3 im Grundgesetz, um den  Begriff "Rasse" zu beseitigen, ihn durch "rassistisch" oder so zu ersetzen, um die Aufzählung, weswegen jemand nicht benachteiligt oder bevorzugt werden darf, vollständig und vertretbar zu machen.
Aber müsste dort nicht einfach stehen: "Niemand darf benachteiligt oder bevorzugt werden"? Und fertig.
Dann hätte man beispielsweise auch Diskriminierungen wegen der sexuellen Orientierung geächtet, worauf sogar die Novellenvorschläge des Artikels der Grünen verzichten. Als gäbe es lässliche und unlässliche Diskriminierungen. 
Niemand darf benachteiligt werden. Es braucht keinerlei Liste. Nur dann wird auch niemand ausgegrenzt.
Es ist noch seltsamer: die Aufzählung von Merkmalen (Religion, Geschlecht etc.) erweckt zudem den seltsamen Eindruck, dass es neben den aufgezählten Merkmalen durchaus nicht genannte berechtigte Gründe geben könnte, jemanden ungleich zu behandeln.
Es ist ein bisschen wie mit den Unisex-Toiletten. Statt sich den Kopf um alle möglichen diversen Piktogramme zu zerbrechen, braucht man gar keine.
Dass alle Menschen gleich sind, wäre so einfach auszudrücken.
Mir ist verdächtig, dass man sich darum drückt.

Mittwoch, 10. Juni 2020

Ein Diskriminierungs-Paradoxon...

...besteht darin, dass man genau jene Unterschiede hervorhebt, für deren Nichthervorhebung man kämpft.
Damit leistet man unfreiwillig einen Beitrag zu ihrer Konservierung.
Man müsste für die Negierung des Unterschieds kämpfen. Aber wo ist dann die Front?

Montag, 8. Juni 2020

Misstrauen gegenüber jedem Zorn

Polzeigewalt? Nun, ich fand die Blitzerfalle neulich schon ein bisschen gemein. Im noch 50er-Bereich kurz vor der Stadtautobahn-Auffahrt. Ich hatte versucht, den Twingo schon mal ein bisschen durchzustarten (was Insassen kaum merken), um in der Hackordnung der Autobahn halbwegs zu überleben - und schon hatte ich ein neues Selfie.
Ich hatte sogar protestiert gegen die Strafe, denn wir Bürger sind ja der Obrigkeit nicht hilflos ausgeliefert. Der Protest wurde abgewiesen und das Bußgeld verdoppelt.
Ansonsten war, muss ich sagen, der Blitzer absolut rassenneutral. Jeder wurde ohn' Ansehen seiner Hautfarbe oder Abstammung abkassiert. Diplomaten (so hört man) ausgenommen.
Hört sich devot an, aber ich machte in meinem Leben nur gute Erfahrungen mit der Polizei, besonders mit der in Berlin, die mich auch schon mal auf das ausgefallene Hecklicht mit der Bemerkung “Sie sollten hinten mal ‘ne Kerze ins Fenster stellen.” aufmerksam machte. Ohne Bußgeld.
In den USA wurden meine Fahrzeugpapiere von einem sehr, sehr, wirklich sehr strengen farbigen Officer minutenlang kontrolliert. Es sah aber aus wie in einem dieser Hollywood-Thriller, weshalb ich es als Reise-Folklore gern mitnahm.
Zusammengefasst: ich ginge gern gegen Rassismus auf die Straße, aber in Sachen Polizeiwillkür habe ich wirklich keinen hinreichenden Anfangsverdacht der Empörung.
Trotzdem verhandeln viele Demos das hier in Deutschland im untrennbaren Doppelpack. Oder muss bloß wieder nachgemacht werden muss, was aus Amerika kommt? Ist das der neue Rock'n-Roll?
Im Übrigen scheint mir dem unzweifelhaft widerlichen und menschenunwürdigen Rassismus mit einer wütenden Demo überhaupt nicht beizukommen. Was kann eine öffentliche Kundgebung denn konkret verlangen? Natürlich einen Wandel, aber meist einen institutionalisierten. Vielleicht ist da manches Wenige sogar möglich, aber ich vermute, dass sich Rassismus durch ein zorniges “Weg mit dem Rassismus” gar nicht beeindrucken lässt, womöglich sogar verstärkt, denn Rassismus ist ja vor allem eine innere Grundierung, ein trüber Bodensatz, von Generation zu Generation weitergeschwappt. Ein Austrieb der ewigen Selbstsucht. Immer wollen Menschen mehr sein als der Nächste. Sie sind sogar imstande, die Nächstenliebe zu beschwören als Hasstirade auf den Übernächsten.
An der Selbstsucht docken diverse Hässlichkeiten an: der Antisemitismus wie die Homophobie, das Machogehabe ebenso wie eben die Überheblichkeit über andere Hautfarben.
Ich warne sogar auch noch vor antirassistischen Übereifer als Folge der gleichen Eigenliebe, weil er vergiftet ist und neue Überheblichkeiten erzeugt.
Zu staunen zum Beispiel, wie komisch jemand die Haare hat oder die Nase, ist schon mal kein Rassismus, auch wenn die Schubladierung gern dort beginnt. Ich war einmal Exot als einziger Weißer auf einem Markt mitten in Tansania. Kinder machten eindeutig Witze über mich. Waren sie Rassisten? Ich schenkte ihnen Bonbons und Buntstifte.
Oft habe ich dort gedacht, ob unter ihnen ein großes Musik- oder Wissenschaftstalent steckt. Seine Chancen, gefördert zu werden, stehen dort weit schlechter als bei uns. Und das völlig ohne Rassismus, ja, je mehr Afrika geliebt und gefördert wurde, umso unverrückbarer hinkte es den Industriestaaten hinterher.
Vielleicht wird jemand auf die Idee kommen, Farb-Quoten zu fordern, bei Stipendien etwa für die Musik-und Wissenschaftstalente. Aber damit würden die Rassenunterschiede nur noch einmal hervorgehoben statt sie endgültig für nichtig zu erklären. Es ist dabei weltweit seit geraumer Zeit eher eine herzhaft quirlige Vermengung im Gange, die jeglicher Farbsortierung hoffentlich den Garaus machen wird. Ich freue mich immer, einer chinesisch-afrikanisch-weiß-indischen Mischung zu begegnen: das werden die ersten Weltbürger sein, sage ich mir, die alles in sich tragen und nichts mehr vor sich her.
Das muss überhaupt das Ziel sein, keine bombastische Protestbewegung zu benötigen, sondern aus dem Faktischen die eine Welt zu bilden, in der wir alle von Geburt gleich sind. Das Unterscheiden von Menschen ist immer heillos, sobald es Instrument eines Kampfes ist.
Insbesondere hüte man sich davor, dass sich jemand anheischig macht, eine führerlose Protestmasse zu leiten. Schnell stellt sich ein spitzhorniger Leithammel voran und entwirft Leitlinien und die reine Farbenlehre und warnt vor Fehlgeleiteten, und dann wird aus Leit gleich mal wieder neues Leid.
Dann reden sie dir auch wieder ein, dass du, ohne es zu merken, Rassist bist, weil du vielleicht nur irgendeine bescheuerte Sprachregelung verletzt hast. Sicher aus schiefer Sicht, aber sie werden sich auf dich stürzen wie die spanische Inquisition. Ich nenn sowas Deutungsrassismus. Ich rechne zum Beispiel täglich damit, dass sich jemand (natürlich ein Weißer) daran stört, "Schwarze" zu sagen und irgendein neues Wortmonstrum verkündigt. Er tut es nicht, um den Schwarzen einen Gefallen zu tun, sondern seiner Eitelkeit.
Menschen in Aufruhr sind zu allem fähig, aber zu ebensoviel unfähig.
Die Straße findet selten einen Weg.

Samstag, 6. Juni 2020

Es war nicht alles schlecht unter Corona

Zuerst überlege ich, ob ich nicht wenigstens Gänsefüßchen nehme. Es sind durchaus auch viele Menschen gestorben, welche aber lediglich nur kurz mal als Zahl genannt wurden. Wenn hundert gestorben waren, freuten sich die Menschen schon wieder, weil es am Vortag noch 150 gewesen sind. In Deutschland gab es nicht einen Tag Staatstrauer, denn man war mit Urlaubsplanung und Investitionsprogrammen beschäftigt. Also dann auch hier keine Gänsefüßchen.
Es war nicht alles schlecht unter Corona. Das zitiert natürlich die Fähigkeit der Leute, auch eher unbequemen Regierungsformen immer etwas abzugewinnen. Und das ist auch im Wesen des Bösen, dass er das Gute hervorzwingt. Wohl auch Corona ist im mephistophelischen Sinn “ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.” Das Virus ist nicht einmal vorsätzlich böse. Es erfüllt sein angelegtes Programm wie alle Lebewesen. Aber auf uns bezogen ist es natürlich zunächst destruktiv. Erst das verstärkt erzwungene konstruktive Denken unter dem Druck der Gefährdung schafft hier zweifellos Gutes.
1. Wir haben in den letzten Wochen weniger Erdressourcen verbraucht. Der wütende Moloch Kapitalismus bestraft uns für diese Wohltat, indem er jammert, als sei alles in Grund und Boden bombardiert, und wir müssten ganz viel kaufen, sonst würden wir alle sterben. Aber er lügt nur wieder mal.
2. Wir haben schätzen gelernt, einander zu treffen. Es gab keine unliebsamen Verabredungen mehr, Feiern, denen man gerne ausgewichen wäre. Nein, Begegnung wurde etwas ganz besonders Geschätztes. Wie Reisen. Das Besondere ist als Erlebnismerkmal zurückgekehrt. Eine Bereicherung.
3. Wir konnten endlich einmal froh darüber sein, dass wir das Internet erfunden haben. So vieles ließ sich darüber bewältigen. Menschen, die diese Kommunikationstechniken nutzen und beherrschen, sind keine Freaks mehr, sondern einfach nur krisenfest. Eine Rehabilitation.
Und 4. Die Fußball-Geisterspiele haben es mal wieder ermöglicht, sich auf den Sport zu konzentrieren statt sich über pyrowerfenden Pöbel zu ärgern. Wer Fußball liebt, hat Fußball bekommen. Wer sagt, dass das so richtig keiner war, will eigentlich schon immer was anderes als Fußball.
Und womöglich gibt es auch noch 5. und 6. und 7. Aber das wird vielleicht erst zu spüren sein, wenn alles vorbei ist. Vielleicht ist auch nie alles vorbei. Ist ja nicht alles schlecht unter Corona. 

Montag, 1. Juni 2020

aktuelle Position

(Einsame, aber selbstbewusste Mohnpflanze bei Michendorf, heute fotografiert. Sie winkte.)

Freitag, 29. Mai 2020

Als ich mal bei Twitter war,...

...dachte ich: wie schön, sich auszutauschen.
Damals noch strikt mit 140 Zeichen. Überzeugungshäppchen, in die Luft gehustet.
Jeder Austausch versackte nach kurzem Hin und Her in der Timeline.  Da kam immer schon die nächste Sau durchs globale Dorf.
Im Inneren ging es auch mir, ich gestehe das gern, nicht um Dialog, sondern das Aufsetzen einer Duftmarke. Auch begann ich, meine Ansichten auf 140 Zeichen zu portionieren. Die empfohlene Meinungsdosis. Dabeisein ist alles. Ich bin, wie alle, ein kleiner blauer Vogel, der auf dem Ast der Zeit sitzt und mitzwitschert.
Bei uns im Garten zwitschern Vögel besonders laut, wenn ich mit dem Rasenmäher durchmarschiere. Sie denken allen Ernstes, dass mich das davon abhält. Ich bewundere die kleinen Viecher, aber die Wiese, die ich ohnehin gern auch ins Kraut schießen lasse, muss irgendwann doch auch mal gemäht werden. Das Piepsen scheint mir von Jahr zu Jahr lauter und aufgeregter zu werden. Aber es hat keinen Einfluss auf mich.
Das Vögelchen im Logo suggeriert nebenher, Twitter sei Spaß, aber es wurde rasch eine Kampfarena, durch die mehr und mehr die Shitstürme fegten, die Wut und der Hass.
Ein Schlachtfeld, das nicht zu erobern ist. Denn all die Follower und Likes sind ja nicht repräsentativ, sondern nur relativ zur affinen Bevölkerung. Sie arbeiten alle an Triumphsimulationen. Es regiert am Ende immer die Täuschung, die Illusion einer Mehrheit, was im Übrigen von Twitter angezeigt werden sollte: Achtung, die hier ablesbaren Mehrheiten sind keine.
Trump hält sich bereits für die Mehrheit, weil er Präsident ist. Er hält Follower für Gefolgschaft, obwohl auch ich einer war, aber doch nur, um ihn zu beobachten. Er ist ein Superspreader des Zynischen. Verzweifelt wehrt sich Twitter gegen die Tatsache, dass es sein Werkzeug ist.
Und natürlich wird ein Trump niemals sein Lieblingsspielzeug wegwerfen.
Ich habe das geschafft, und das war schon kein leichter Schritt. Mit seiner Ansicht beachtet zu werden, ist eine Verlockung, die gestraft wird mit Beleidigungen und Drohungen, die immer rabiater als Antworten eintrafen, besser einschlugen. Es gab, hörte ich, auch schon automatische Beleidigungsbots, Empörungsmaschinen, aber das war kein Trost. Die Kehle des kleinen blauen Spatzes war heiser geschrien, und es schienen nur noch Katzen herumzuschleichen.
Weggehen ist dann immer wie ein Amoklauf der Vernunft.
Schaffen nicht viele. Und Präsidenten heutzutage schon gar nicht mehr.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Fremder, gehst du in die mediale Öffentlichkeit,

...dann bade vorher in Drachenblut.
Wie dem sagenhaften Sigfried hilft der Anschein von Unverletzbarkeit durchaus eine Weile.
Denn die mediale Öffentlichkeit ist brutaler, als sie sich mancher vorstellt.
Eine öffentliche Person ist auch ein Objekt der Öffentlichkeit, Futter zum Beispiel für Widerredende, die auch ins Licht wollen. Der Gegenwind beißt im Gesicht, und man findet sich überzeichnet ins Witzblatt .
Sich mit dir anzulegen, bringt Quote. Manche können da nicht lange widerstehen, und es ist gleichgültig, was dabei aus dir wird. Nicht einmal ein mitfühlender Nachruf ist sicher.
Die immer wieder in die Talkrunde einladen, generieren den zweifelhaften Ruf, dass du unbedingt in jeder Talkrunde sitzen willst.
Es gibt auch ganz normale Verrückte, die aus großer Leere und Ratlosigkeit heraus immer jemanden suchen, den sie hassen können und die auch richtig gefährlich werden können. Die am wenigsten verstehen, sind oft am Entschlossensten. Sie halten das von dir Gesagte grundsätzlich als verordnet.
Hassbotschaften und Drohungen legen sich wie Mehltau auf dein Leben, während du nicht mehr Brot kaufen kannst, ohne erkannt und mit Blicken bewertet zu werden.
Man könnte fast sagen: du gehörst dir nicht mehr, wenn du öffentlich wirst. Du bist, je nach Bedarf, Spielzeug, Waffe, Symbolfigur oder sogar Schuldiger an was auch immer.
Die im Wettsenden schrill gewordene Gesellschaft entzieht den Wortführenden das Grundrecht des Respekts.
Und mache ab jetzt nie wieder Fehler. Sie wiegen nun wie Blei.
Zum Trost sei dir gesagt, dass alles, was je die Menschheit aufgeklärt und weitergebracht hat, zuvor von Menschen öffentlich gesagt werden musste. Der einzige Lohn, den es dafür gibt, ist, nicht so schnell vergessen zu werden wie die Schweigenden und Geifernden. Das muss reichen.